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Proteinwende 2020–2025: Warum Deutschland „hybrid“ isst statt radikal umzusteigen

Der sichtbarste Ernährungstrend der letzten Jahre ist nicht „vegan“, sondern Flexitarismus:
weniger Fleisch, mehr Alternativen, aber selten ein kompletter Bruch. Der Ernährungsreport 2025 zeigt eine
stille Verschiebung in der Mitte der Gesellschaft: Fleischverzehr sinkt auf ein historisches Tief,
pflanzliche Produkte gewinnen Marktanteile, gleichzeitig bremst die Kaufkraft den Wandel. Ergebnis:
Hybrid-Teller statt Ideologie. Für Handel, Industrie, Verbände und Politik ist das kein Kulturthema,
sondern eine Frage von Preispunkten, Versorgung und Gesundheitslast.

Studienbericht Nr. 5 – Ernährungsreport 2025
Stand: 2025 · Datenpunkte u. a.: BMEL, BLE, RKI, Destatis, GfK/NIQ, DGE

„Proteinwende“ wird oft als moralische Debatte geführt. Der Ernährungsreport 2025 macht daraus wieder das,
was es in der Realität ist: ein Messproblem. Entscheidend sind nicht Meinungen, sondern
Verzehrmengen, Kaufmotive, Marktanteile und die
ökonomischen Rahmenbedingungen. In den Daten zeigt sich: Der Umbau findet statt, aber als
kontinuierliche Substitution in der Mitte, nicht als radikale Umstellung.

YMYL-Hinweis: Diese Seite ist eine datenbasierte Markt- und Versorgungsanalyse (Konsum/Ökonomie/Gesundheit),
keine medizinische Beratung und keine individuelle Ernährungsempfehlung.

Wichtige Eckdaten

  • 50,8 kg Fleischverzehr pro Kopf (2024, historisches Tief) [2]
  • 48 % der Bevölkerung bezeichnet sich als Flexitarier [1]
  • 10,4 % vegetarisch/vegan (kombiniert) [1]
  • 57 % achten primär auf den Preis beim Lebensmitteleinkauf (+12 pp vs. 2021) [1]
  • +7 % Absatzsteigerung bei Hafer- und Mandeldrinks (Jahresvergleich) [8]

Der Kerntrend: Fleisch sinkt, aber nicht auf null

Der klarste Marker der Proteinwende ist der Rückgang beim Fleisch. Während 2018 der Pro-Kopf-Verzehr noch
über 60 kg lag, fällt er 2024 auf 50,8 kg und markiert damit ein historisches Tief [2].
Das ist keine „Mode“, sondern eine strukturelle Verschiebung über mehrere Jahre. Entscheidend ist dabei:
Der Trend beschreibt Reduktion, nicht Verzicht. Der Teller wird statistisch grüner, bleibt aber
hybrid. Genau dadurch entsteht ein Markt, der nicht nur „vegan“ und nicht nur „Fleisch“ ist, sondern
Substitutionsräume bietet: weniger klassische Portionsstücke, mehr Mischformen, mehr alternative
Proteinquellen.

Wichtig für die Einordnung: Konsumwandel heißt nicht automatisch Gesundheitswandel. Der Ernährungsreport 2025
beschreibt parallel eine stabile Belastung durch Übergewicht/Adipositas und Diabetes. Das ist kein Widerspruch,
sondern typisch: Der Markt ändert Proteinquellen, aber die Gesamtqualität der Ernährung hängt zusätzlich an
Preis, Verarbeitungstiefe und Alltagsroutinen.

Flexitarismus als Mainstream: Die Mitte bewegt den Markt

Der Report verortet fast 48 % der Bevölkerung im Spektrum Flexitarismus [1]. Das ist die
entscheidende Masse. Sie reduziert Fleisch, ohne die eigene Ernährung als „Programm“ zu verstehen.
Genau dadurch skaliert der Trend: nicht über radikale Umsteiger, sondern über kleine Substitutionen
in Millionen Haushalten.

Gleichzeitig bleibt die rein vegetarisch/vegan lebende Gruppe mit 10,4 % (kombiniert) eine
relevante, aber begrenzte Teilmenge [1]. Für Industrie und Handel ist damit klar: Wachstum entsteht dort,
wo Produkte die Lücke zwischen „klassisch“ und „pflanzlich“ schließen: Hybridprodukte, pflanzliche Komponenten
in bekannten Gerichten, bessere Preis-Leistungs-Logik und klare Sensorik.

Alternativen: Wachstum ja, Hype nein

Pflanzliche Alternativen haben nach den Boom-Jahren 2020–2022 eine Reifephase erreicht. Der Report beschreibt
eine Stabilisierung auf hohem Niveau: getestet wird viel, dauerhaft bleiben wenige Kategorien und Produkte.
Das ist ein Normalisierungssignal: Der Markt sortiert aus, was nicht in Routinen passt, und hält,
was Alltag und Budget überlebt.

Ein greifbarer Indikator sind Pflanzendrinks: Hafer- und Mandeldrinks steigen im Jahresvergleich um
+7 % [8]. Diese Kategorie funktioniert, weil sie in bestehende Nutzungsmuster
integrierbar ist (Kaffee, Frühstück, To-go) und keine komplette Umstellung verlangt.
Genau so skaliert „Proteinwende“ in der Breite: über Routine-Kompatibilität.

Treiber und Bremsen: Preis, Alltag, Vertrauen, Verfügbarkeit

Der dominierende Bremsfaktor ist Preis. 2024 geben 57 % der Verbraucher an, primär auf den
Preis zu achten, ein Plus von 12 Prozentpunkten gegenüber 2021 [1]. Damit ist die Proteinwende in der Praxis
weniger ein Kulturkampf als ein Kaufkraft-Test: Was nicht preislich mithält, bleibt Nische.

Gleichzeitig entstehen Zielkonflikte: Wenn Substitution vor allem über Convenience läuft, steigt der Anteil
hochverarbeiteter Produkte im Warenkorb. Dann wird der Teller zwar „pflanzlicher“, aber nicht automatisch
gesünder. Wer den Trend strategisch nutzen will (Industrie, Politik, Verbände), muss deshalb
Preisparität und Nährwertprofile zusammenbringen: Reformulierung,
Portionierung, Salz/Zucker-Reduktion, Proteinqualität und klare Kennzeichnung sind keine PR,
sondern Marktfähigkeitsfaktoren.

Warum „Hybrid“ der realistische Endzustand ist

Flexitarismus skaliert über kleine Entscheidungen und wird durch Preis, Geschmack und Verfügbarkeit begrenzt.
Deshalb entsteht kein „Entweder-oder“, sondern ein dauerhafter Hybrid-Markt.

Konsequenzen: Was Industrie, Handel und Politik daraus ableiten

Für die Lebensmittelindustrie lautet die operative Ableitung: Wachstum liegt in Hybridisierung,
nicht in ideologischer Segmentierung. Erfolgslogik: wenige überzeugende Produkte, stabile Sensorik,
transparente Rezepturen, Preisparität und Nährwertprofile, die regulatorisch und journalistisch standhalten.
Für den Handel gilt: Eigenmarken, Platzierung und Promotions entscheiden, ob Alternativen Routine werden oder
nach dem Testkauf wieder verschwinden.

Für Politik und Verbände ist die „Proteinwende“ ein Steuerungsfall: Wenn Preis die dominante Variable ist,
verstärken sich soziale Unterschiede in der Ernährung. Der Report verweist auf Hebel wie Mehrwertsteuerdebatten,
verbindliche Standards in Gemeinschaftsverpflegung und Reformulierungsziele. Ohne solche Mechaniken bleibt
der Umbau fragmentiert: urban, kaufkräftig, sichtbar, aber nicht flächendeckend.

Verknüpfte Norvio-Analysen

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Quellenhinweise (Auszug)

  1. [1] BMEL – Ernährungsreport (Kaufmotive, Flexitarismus, Ernährungsstile)
  2. [2] BLE – Versorgungsbilanz Fleisch (Pro-Kopf-Verzehr, Zeitreihen)
  3. [8] GfK/NIQ – Consumer Panel FMCG (Absatztrends, Pflanzendrinks)

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